Interview: "Uns ist es egal, wo das Löschwasser herkommt"

Kreisbrandmeister Oliver Surbeck über die Sicherheitsvorsorge in abgelegenen Bereichen

 Leutkirch - Eigentümer abgelegener Grundstücke und Gebäude müssen in zahlreichen Gemeinden selbst ausreichend Löschwasser vorhalten. Kreisbrandmeister Oliver Surbeck erläutert im Interview mit Jan Peter Steppat unter anderem, warum ein Mangel an Löschwasser im Fall der Fälle katastrophale Folgen haben kann, und was auf manche Bürger zukommen kann.

Herr Surbeck, warum ist die Delegation der Löschwasserversorgung von Kommunen auf Privatleute aus Feuerwehrsicht ein Thema?

 Für uns als Feuerwehren ist die Löschwasserversorgung gerade im Außenbereich überlebensnotwendig. Zum einen geht es hierbei natürlich um den Schutz der Sachgüter vor Ort. Viel wichtiger ist jedoch der Personenschutz. So kann von unserer Seite eine Personenrettung in einem Gebäude nur dann durchgeführt werden, wenn die Einsatzkräfte über das erforderliche Löschwasser verfügen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: ohne Löschwasserversorgung keine Brandbekämpfung und somit auch keine Menschenrettung!

 Welche brenzligen Situationen hat es denn bei Einsätzen in so genannten Außenbereichen gegeben. Gab es Fälle, wo Löschwasser knapp wurde, weil vor Ort nichts oder wenig vorhanden war?

 Äußerst kritisch ist es, wenn Einsatzkräfte in ein brennendes Gebäude, beispielsweise zur Menschenrettung eindringen und es zum Zusammenbruch derLöschwasserversorgung kommt. Dies ist so ziemlich das Schlimmste, was einem als Feuerwehrmann passieren kann: in einem brennenden Gebäude, ohne Rückzugsweg und ohne Löschwasser! Im Landkreis Tübingen gab es vor einigen Jahren ein solches Szenario. Fazit: zwei getötete Feuerwehrmänner…

 Welche gesetzlichen Kriterien sind Grundlage für die Diskussion? Lange Zeit ging es doch anders …

 Geregelt ist das Thema Löschwasser im Feuerwehrgesetz und in der Landesbauordnung. Beide Gesetzgebungen wirken in diesem Themenbereich bereits seit Jahrzehnten auf eine gesicherte Löschwasserversorgung hin. Hier hat sich eigentlich nichts geändert. Brisant wird das Thema jedoch immer dann, wenn es zu einem größeren Sachschaden, schlimmer noch zu Personenschäden kommt. Mir noch sehr gut im Gedächtnis ist ein Brandeinsatz im Allgäu, bei dem mich die Kollegen der Kriminalpolizei nachts um halb vier fragten: "Herr Kreisbrandmeister, hätten Sie mit Ihren Einheiten die Getötete retten können, wenn ausreichend Löschwasser vorhanden gewesen wäre …?" Glauben Sie mir, diese Frage beschäftigte nicht nur mich, sondern auch Staatsanwaltschaft und Versicherungen.

 Hand aufs Herz: Gehört die Versorgung mit Löschwasser nicht zur öffentlichen Infrastruktur? Wären deshalb nicht generell staatliche Stellen, und damit die Städte und Gemeinden, dafür zuständig?

 Eine sehr spannende Frage! Geregelt ist die Verantwortung für den Bereich der Löschwasserversorgung in Paragraf 3 Feuerwehrgesetz. Hiernach ist es grundsätzlich die Aufgabe der jeweiligen Kommune für die Löschwasserversorgung zu sorgen. Es handelt sich somit grundsätzlich um eine kommunale Pflichtaufgabe, direkt vergleichbar mit dem Aufbau und Betrieb einer Freiwilligen Feuerwehr oder einer Berufsfeuerwehr. Gleichzeitig hat das Feuerwehrgesetz aber auch die Bürgermeister ermächtigt, diese Aufgabe auf Gebäudeeigentümer im Außenbereich zu delegieren. Ob dies gerecht ist, ist sicherlich eine subjektive Einschätzung des Einzelnen. Fakt ist, dass die Löschwasserversorgung im Außenbereich über das öffentliche Rohrleitungsnetz nicht nur technisch sehr aufwendig und teuer ist - denken Sie alleine an die Entfernungen in unserem zersiedelten Oberland - sie ist auch von Seiten der Wasserhygiene sehr anfällig; Stichwort: Verkeimung des Trinkwassers. Viele Anwesen im Außenbereich haben daher auch eine eigene Trinkwasserversorgung, beispielsweise über eigene Brunnen oder Quellen und benötigen von daher schon gar keinen Anschluss an die öffentliche Wasserversorgung.

 Sind denn alle Grundstückseigentümer in Außenbereichen betroffen? Oder gilt eine (mögliche) Vorsorge für Löschwasser nur bei Neu- oder Umbauten?

 Eine gesicherte Löschwasserversorgung ist für Alt- wie für Neubauten gleichermaßen erforderlich, brennen kann es schließlich auch im Altbau. Auch hier hat der Gesetzgeber entsprechend reagiert und über Paragraf 76 der Landesbauordnung die Baurechtsbehörden ermächtigt, Löschwasser nachzufordern, wenn Leben oder Gesundheit gefährdet sind. Es geht jedoch hierbei nicht um die Durchsetzung formaler Vorschriften, sondern um die Sicherheit für die Bewohner sowie den Schutz ihres Hab und Gutes.

 Was wird von den Eigentümern gefordert? Muss künftig jeder eine Zisterne oder einen Löschteich vorhalten?

 Die Größe der Zisterne beziehungsweise des Löschwasserteiches ist sehr stark abhängig von der Art und der Größe eines Objektes. Verankert ist dieses in verschiedenen Bauvorschriften. Eine Zusammenfassung mit den konkreten Angaben haben wir im Internet (www.landkreis-ravensburg.de/bks) unter der Rubrik "Vorbeugender Brandschutz" eingestellt. Selbstverständlich können Nachbarn beispielsweise in einem Weiler gemeinsam eine Löschwasserversorgung schaffen und somit Kosten reduzieren. Dies wird auch relativ oft vollzogen.

 Wie tief muss der Einzelne für die Nachrüstung in die Tasche greifen? Und: Gibt es Zuschussmöglichkeiten?

 Die Kosten sind sehr stark abhängig von der Situation vor Ort. Ein Löschwasserteich, den der Landwirt möglicherweise selbst mit seinem eigenen Gerät schaffen kann, ist sicherlich preiswerter als eine Zisterne, die in Ortbeton aufwändig erstellt werden soll. Hier gibt es aber auch entsprechende Systemlösungen. Interessant ist sicherlich auch die Umwidmung ehemaliger Güllegruben in Löschwasserzisternen. Uns ist es eigentlich egal, wo wir das Wasser herbekommen. Wichtig ist, dass der Entnahmepunkt maximal 300 Meter entfernt ist und die Entnahme frostfrei möglich ist. Öffentliche Zuschüsse gibt es hierzu in der Regel nicht; es handelt sich vielmehr um die Sicherheit des Einzelnen beziehungsweise seiner Familie.

 Wer ist von der Pflicht zur Nachrüstung generell befreit - und warum? In Ihrer Heimat Amtzell beispielsweise war zuletzt im Gemeinderat von 40 Eigentümern die Rede, auf die das zutraf …

Befreit werden kann sicherlich niemand. Dies würde ja bedeuten, dass jemandem die Sicherheit vor Ort genommen wird. Im Umkehrschluss muss jedoch auch nur derjenige aktiv werden, der aktuell eine nicht ausreichende Löschwasserversorgung besitzt. In Amtzell wurde dieses aktuell durch ein Ingenieurbüro umfangreich beleuchtet und überprüft. Als Ergebnis kamen besagte 40 Anwesen heraus.

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